Freunde des Bayerischen Armeemuseums e.V.
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Ausstellungen

„Verheizt – Vergöttert – Verführt. Die deutsche Gebirgstruppe von 1915 bis 1939“

… und ihre Umsetzung in der Ausstellung

 

Die Geschichte der deutschen Gebirgstruppen in den vier Kontingentsarmeen des Deutschen Kaiserreichs im Ersten Weltkrieg, der formal verbotenen Gebirgstruppe der Reichswehr und schließlich der Wehrmacht bis 1939 ist Thema der zweiten von voraussichtlich vier Ausstellungen, die das Bayerische Armeemuseum gemeinsam mit der „Stiftung Deutsche Gebirgstruppe e.V.“ zur Geschichte der deutschen Gebirgstruppe dem Publikum präsentiert. Der auf etwa zehn Jahre gedachte Ausstellungsreigen reicht von den Anfängen deutscher „Gebirgler“ 1892 bis heute, wo Gebirgssoldaten im seit 1990 wiedervereinten Deutschland im Gebirgs- und Winterkampf ausgebildet werden und in den Bergen Afghanistans kämpfen – und fallen. Noch deutlicher als bei der ersten (2014 bis 2017) wird bei dieser Ausstellung die Absicht deutlich, die Pfade der gewohnten zeitlichen Begrenzungen militärgeschichtlicher Expositionen wie „1914 bis 1918“ oder „1933 [bzw. 1939] bis 1945“ zu verlassen, um neue Wege zu öffnen, eventuell sogar neue Interpretationen zu ermöglichen. Vor allem aber sollen auf diesem Wege Entwicklungs- und Lebenslinien, dabei ihre Kontinuitäten und Brüche herausgearbeitet werden. Die nächste, vorletzte also, Ausstellung – so bislang der Stand der Planung von 2017 – wird deshalb den Zeitraum von September 1939 (Kriegsbeginn) bis „1968“ als Symboljahr eines grundlegenden (nicht immer zum Besseren) gesellschaftlichen Wandels umspannen. Dieser Epochen-übergreifende Ansatz bietet nämlich die Möglichkeit, Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der „Biographie“ der Gebirgstruppe viel deutlicher herauszuarbeiten und für den Besucher plastischer und damit persönlich nachvollziehbarer zu gestalten als die „klassischen“ Einteilungen in die gewohnten, den Eindruck in sich abgeschlossener  Schemata resp. Epochen  vermittelnden historischer Expositionen. Denn: Politische Systeme ändern sich, Regierungsformen wechseln, Technik schreitet voran. Diese Variablen aber werden umklammert durch die „epochenübergreifende Konstante“ der Menschen, die in den jeweiligen politischen Systemen usw. (über)lebten.

 

Greifen wir dazu einmal einige bekannte Namen heraus, an denen dies deutlich wird, an denen der epochenübergreifende Ansatz sozusagen „personalisiert“ werden kann. Es waren Menschen, die in den einzelnen Zeitabschnitten unterschiedlich bewertet wurden bzw. werden – mit den entsprechend unterschiedlichen Konsequenzen:

 

  • Erwin Rommel (1891-1944), der „Wüstenfuchs“: Im Ersten Weltkrieg hochdekorierter Angehöriger des Württembergischen Gebirgsbataillons 1941 bis 1943 als legendärer Feldherr in Frankreich und Nordafrika und Jahre Hitlers „Lieblingsgeneral“ propagandistisch entsprechend „vermarktet“, wurde schließlich nach dem misslungenen Umsturzversuch vom 20. Juli 1944 vom NS-Regime zum Suizid gezwungen.

 

  • Ferdinand Schörner (1892-1973), der „Bluthund“: königlich bayerischer Leibinfanterist. Im Ersten Weltkrieg wurde ihm als einzigem bayerischen Infanterieleutnant der Orden Pour le Mérite verliehen. Im März 1945 notierte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in seinem Tagebuch über Schörner: „… einer unserer hervorragendsten Heerführer […] Es [ist] Schörner gelungen, die Front in seinem Kampfraum im Wesentlichen zu stabilisieren. Auf ihn sei es zurückzuführen, dass die Moral der Truppe dort so hervorragend gehoben worden sei. Ich berichte dem Führer von den radikalen Methoden, die Schörner zur Erreichung dieses Zieles anwendet. Deserteure finden bei ihm keine Gnade. Sie werden am nächsten Baum aufgeknüpft […]“.

 

  • Eduard Dietl (1890-1944): ebenfalls königlich bayerischer Infanterieoffizier, danach, in den Krisenjahren der Weimarer Republik, Kompanieführer im Freikorps Epp. In der inoffiziellen Gebirgstruppe der Reichswehr – III. Bataillon, 7. (bayer.) Infanterieregiment – war er unter anderem Kompaniechef. Dort lernte er Adolf Hitler kennen, wurde von dessen Charisma eingenommen und blieb bis zu seinem Unfalltod bei einem Flugzeugabsturz ein Anhänger des Diktators. 1936 unterstützte er als Oberst und Kommandeur des Gebirgsjäger-Regiments 99 die Organisation der IV. Olympischen Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen. Dietl wurde aber vor allem als „Held von Narvik“ berühmt. Seine ideologische Nähe zum NS-Regime fiel in der kollektiven Wahrnehmung der frühen Bundesrepublik und damit auch in der neuen Bundeswehr unter den Tisch. 1964 wurde eine Gebirgsjäger-Kaserne in Füssen nach ihm benannt. 1982 begann eine heftige Diskussion über diese Namensgebung. 1995 ordnete der damalige Bundesminister der Verteidigung Volker Rühe die Umbenennung an, da Generale wie Dietl – wie die Wehrmacht als Ganzes – für die Bundeswehr nicht mehr traditionswürdig waren. Ähnliches widerfuhr aus denselben Gründen der Kübler-Kaserne.
     
  • Ludwig Kübler (1889 bis 1947; hingerichtet). Kübler, auch er königlich bayerischer Infanterieoffizier, diente in der Reichswehr unter anderem als Bataillonskommandeur im 19. (bayer.) Infanterieregiment und war Kommandeur der am 1. Juni 1935 in München in Dienst gestellten Gebirgsbrigade. Die Brigade wurde 1937 zur 1. Gebirgsdivision ausgebaut. Während des Zweiten Weltkrieges war Kübler maßgeblich mitverantwortlich für die von der Wehrmacht im Rahmen der Partisanenbekämpfung begangenen Verbrechen auf dem Balkan. 1947 verurteilte ihn ein Militärgericht in Ljubljana zum Tode. Anfang November 1995 ordnete Rühe die Umbenennung der General-Kübler-Kaserne in Mittenwald an. Sie heißt seitdem Karwendel-Kaserne.

 

Der Titel „Verheizt – Vergöttert – Verführt“ umreißt und beschreibt deshalb auch pointiert die drei so unterschiedlichen Phasen deutscher Geschichte, in denen deutsche Gebirgstruppe „stattfand“:

 

  1. „Verheizt“: Nach der relativ ereignislosen Zeit in Tirol verlegte die Oberste Heeresleitung (OHL) das Deutsche Alpenkorps nach Serbien. Hier und ein Jahr später, in Rumänien, führte das Alpenkorps – sehr erfolgreich übrigens, aber auch unter großen Verlusten – Bewegungskrieg. Zwischendurch, im Frühjahr 1916, beorderte die OHL das Alpenkorps in die Schlamm- und Trichterwüste der Westfront. Für diesen Kampfeinsatz (28.5. – 9.9.) war die hochspezialisierte Gebirgsdivision aber völlig ungeeignet, und so verlor das Alpenkorps in der Schlacht bei Verdun 12.496 Soldaten – von ca. 26.000! Legendär (und traditionsstiftend) wurde der Einsatz im Rahmen der 12. Isonzo-Schlacht, als es, maßgeblich durch die Leistungen Rommels und Schörners (damals noch Leutnante), vorangetrieben, gelang, den Verbündeten den Weg in die norditalienische Tiefebene zu bahnen und die Italiener an den Rand des Zusammenbruchs zu bringen. Das Kriegsende erlebte das Alpenkorps nach einem „Abstecher“ an die Westfront (Stichwort: Kemmelberg) auf dem Balkan, von wo aus es sich den Weg zurück in die Heimat erzwang. Anfang Dezember wurde es in München aufgelöst.
       
    Die Ausstellung

Der erste Abschnitt, schließt chronologisch unmittelbar an die Vorgänger-Ausstellung „Krieg in den Alpen – die Alpen im Krieg. Die Anfänge der deutschen Gebirgstruppe“ an, beginnt also Anfang Oktober 1915. Um die chronologische und inhaltliche Kontinuität optisch herauszustreichen, wurde für diesen Teil der Ausstellung das Design aus grobem, unbearbeitetem sägerauhem Holz beibehalten. Da sich die Uniformierung, Bewaffnung und Ausrüstung der Gebirgstruppe mit einigen Ausnahmen wie dem lMG 08/15 bis Kriegsende auch nicht wesentlich änderte, findet der Besucher natürlich das eine oder andere Exponat der alten Ausstellung auch in der neuen wieder. Das geht gar nicht anders. Selbstverständlich besteht die Masse der Exponate aus neuen Objekten. Um den harten, rustikalen Charakter des Gebirgskrieges zu unterstreichen, sind die großen Eichentüren der Kasematten dieses Mal mit Holzstämmen verkleidet: Sie sollen an Feldbefestigungen erinnern. Eine Ausnahme macht die 12. Isonzo-Schlacht. Das entsprechende Kasemattentor wurde mit einer entsprechend großen Nachbildung des Buchdeckels desjenigen Bandes der Reihe „Schlachten des Weltkriegs“, das (bzw. die, denn dem „Wunder von Karfreit“ widmete das Reichsarchiv zwei Bände) kaschiert, der über diese Schlacht berichtet. 

 

  1. „Vergöttert“: Im November 1918 brach das Deutsche Kaiserreich militärisch und politisch zusammen. Die alten Kontingentsarmeen lösten sich auf, auch die deutschen Gebirgstruppen waren damit vorerst Geschichte – zumindest offiziell. Viele ehemalige Soldaten – nicht selten vom Krieg an Leib und Seele gezeichnet, arbeitslos und ohne berufliche Perspektive – sahen sich als „im Felde unbesiegt“. So empfanden (nicht nur) sie den Vertrag von Versailles – de facto die bedingungslose Kapitulation – als persönliche Schmach und fühlten sich in ihrem Nationalstolz gedemütigt. Die Reichswehr führte gezielt und bewusst die Tradition ehemaliger „kaiserlicher“ Formationen fort, natürlich auch die Tradition der Gebirgstruppe. Immer mehr Autoren glorifizierten den Krieg und die zwischen 1914 und 1918 unzweifelhaft bewiesene hohe Tapferkeit der Soldaten als „Heldentum“. In ihren persönlichen Erinnerungen und kriegsgeschichtlichen Darstellungen priesen sie die „unerreicht hohe“ Professionalität der militärischen Führung. 

    Die Ausstellung

Das Kriegsende im November 1918, der Sturz der Monarchien, die bürgerkriegsartigen Kämpfe bis 1923, die neue Staatsform der Demokratie, all das war ein radikaler, ein revolutionärer Bruch mit der „guten alten Zeit vor anno 14“. Praktisch von einem Tag auf den anderen fanden sich die Menschen in einer neuen Welt wieder. Diesen schockartigen Bruch mit nahezu allem bisher Gewohnten soll auch die Ausstellungsgestaltung widerspiegeln. Konnte man bei der alten Gebirgstruppen-Ausstellung von der ersten Kasematte an noch alle anderen bis zum Ende der Ausstellung überblicken, ist dies jetzt nicht mehr möglich. Zwei übermannsgroße Sichtblenden versperren die ungehinderte Durchsicht in die „Weimarer Republik“ und die Reichswehr und zwingen den Besucher zu einer kleinen Schleife (die auch für Rollstuhlfahrer natürlich kein Hindernis ist). Genauso plötzlich wie die Menschen 1918/19 befindet sich auch der Museumsgast jetzt einer neuen Zeit. Die nach wie vor sägerauhen Panele sind jetzt im Dreifarb-Buntanstrich der Reichswehr gestrichen. Dieser Anstrich war bereits gegen Ende des Krieges eingeführt worden. Die Armee der Republik hatte aber, im Gegensatz zur heutigen Bundeswehr, ein außerordentlich zwiespältiges Verhältnis zum neuen Staat und seiner Regierungsform einer parlamentarischen Demokratie. Sie verstand sich bewusst als überparteilich, weit ab vom parteipolitischen Alltag. Sie diente dem Deutschen Reich als Staat an sich, unabhängig von seiner Staatsform. Daher verstand sie ihren Auftrag nicht darin, die Demokratie und ihre Werte vor ihren Feinden zu schützen. Mental sahen sich ihre Offiziere in jener untergegangenen „guten alten Zeit“ des Kaiserreiches verwurzelt. Diesen Zwiespalt soll die Verkleidung der „Reichswehr-Kasematte“ symbolisieren. Das Tor wird durch zwei deutsche Staatsflaggen verdeckt, die, diagonal getrennt, zu einer verschmelzen: schwarz-rot-gold für die demokratische Republik und schwarz-weiß-rot für das autokratische Kaiserreich bis 1918. Davor eine Offiziers-Figurine in einer Vitrine. Die Spiegelungen der „geteilten“ Flagge lassen zudem die eine Hälfte in die andere optisch ineinander übergehen und verstärken damit noch den Eindruck der geistig-mentalen Spaltung der Reichswehr.
 

  1. „Verführt“: Am 30. Januar 1933 übergab der ehemalige Feldmarschall des Kaisers und nunmehrige Reichspräsident der Weimarer Republik Paul v. Hindenburg (1847-1934) die Reichskanzlerschaft an Adolf Hitler. Der „Führer“ der NSDAP errichtete umgehend eine brutale rassistische Diktatur. Politische und ideologische Gegner wurden – zunehmend auch physisch – vernichtet. Wer aber nicht zu den im „neuen“ Staat unerwünschten, bald massiv verfolgten Gruppen gehörte (v.a. Juden, „Zigeuner“, Zeugen Jehovas, Gewerkschafter, Kommunisten und Sozialisten) gehörte, der sah 1933 tatsächlich einer gesicherten Zukunft entgegen und verdrängte somit den Terror, dem diese Verfolgten ausgesetzt waren. Die Reichswehr (ab 1935 „Wehrmacht“) hoffte unter Hitler auf eine deutliche Heeresvermehrung und auf ein Ende der Rüstungsbeschränkungen – Hoffnungen, die sich bald erfüllen sollten. Den Soldaten eröffneten sich damit attraktive Karrierechancen, verbunden mit der Möglichkeit, ihre militärischen und soldatischen Vorstellungen auszuleben. Da in der Wehrmacht bis in den Krieg hinein jede politische Betätigung verboten war (eine etwaige Mitgliedschaft in der NSDAP ruhte), fanden auch Männer, die mit dem Regime haderten, in der Armee eine unverdächtige Rückzugsmöglichkeit. Umso mehr lag es in der Hand eines jeden einzelnen Wehrmachtsangehörigen, in welchem Maße er sich vom Regime vereinnahmen und bestimmen ließ.
         

Die Ausstellung

 

Auch „1933“ war ein Bruch – ein Bruch, wie er in seiner Konsequenz nicht brutaler und im Wortsinn tödlicher sein konnte: Von der mittlerweile bei der Mehrheit des deutschen Wahlvolkes diskreditierten Republik, die in Armut, Arbeitslosigkeit und Anarchie zu versinken drohte, hin zu einer rechtsextremen rassistischen Einparteien-Diktatur des Führerstaates. Die Reichswehr – ab 1935 „Wehrmacht“ – aber sah sich zunächst befreit von ihren bisherigen, nicht mehr ganz so strengen Fesseln von 1919. Es winkten glänzende Karriereaussichten. Vergessen wir nicht: 1933 waren „Auschwitz“ und der Holocaust noch undenkbare Zukunft – wenngleich das neue Regime von Anfang an politisch Andersdenkende, Juden und andere Minderheiten ausgrenzte und verfolgte. Die breite Masse der Bevölkerung profitierte zunächst vom neuen System. Die gewaltlos gewonnenen „Blumenkriege“ hoben das Image der Streitkräfte immens. Auch die Armee selbst änderte sich. Loyale Anhänger des Nationalsozialismus übernahmen die Führung. In der Truppe selbst blieb Parteipolitik, auch nationalsozialistische (andere Parteien gab es ohnehin nicht mehr), immer noch verboten. Da „1933“ ebenfalls einen Bruch darstellt, muss der Ausstellungsbesucher erneut eine Kurve machen, um von der Reichswehr der Republik zur Wehrmacht der Diktatur zu gelangen. Die gleiche Anordnung sehr ähnlicher Blenden wie beim Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik sollen ihm erneut den drastischen Beginn einer neuen, in seiner tödlichen Brutalität noch nicht erkennbaren Epoche nahe bringen. Die Paneele sind jetzt im einheitlichen Wehrmachtsgrau gehalten.  

Offiziersehre und Widerstand

 

Das Reiterregiment 17 (Bamberger Reiter) und die Wurzeln des Staatsstreichs vom 20. Juli 1944

Offiziersehre und Widerstand

 

anlässlich der Eröffnung der Ausstellung am 25.November 2014 im Reduit Tilly hat Generalmajor a.D. Berthold Schenk Graf von Stauffenberg das folgende erhaltenswerte           

Grußwort gesprochen.

 

Anrede

Gleich wird hier Dr. Reiß den Raum für die ständige Ausstellung eröffnen, die zeigen soll, wie Offiziere des ehemaligen (Bayerischen) Reiter- und Kavallerieregiments 17 sich dem Gewissenskonflikt gestellt haben, in den sie Pflicht, Gehorsam und ihre soldatische Ehre gestellt haben und der sie schließlich in den Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime geführt hat – eine Entscheidung, die jeder für sich treffen musste. Ihr Regiment hat  als einziges bayerisches Kavallerie-Regiment nach dem 1. Weltkriege die Tradition der zwölf Königlich-Bayerischen Kavallerieregimenter und damit einer Jahrhunderte langen Geschichte fortgeführt. Diese spiegelt das Schicksal Bayerns im alten römischen Reich deutscher Nation, im Rheinbund, im Deutschen Bund und im  Deutschen Reich von 1871 getreulich wider, eine Geschichte der Pflichterfüllung im Dienste der Politik, ihrer Erfolge wie ihrer Fehler und Niederlagen. Dieser Geschichte waren sich die 17er Reiter und ihre Kommandeure stets bewusst, und ihre Ausbildung und Erziehung war davon geprägt, in den kargen Zeiten der Reichswehr wie im Zuge der Heeresvermehrung, die vieles, was ethische Tradition war, zu verwässern drohte, und schließlich, als sie in einem verbrecherischen Regime in einen Krieg geführt wurden, der unser Vaterland ins Unglück und in die Zerschlagung geführt hat und das den Namen unseres Volkes besudelt hat.

 

Dass wir auf diese Zeit nicht ausschließlich voll Scham zurück blicken müssen, verdanken wir einigen, allzu wenigen, vor allem Soldaten, die die Befleckung ihrer Soldatenehre und der Ehre des deutschen Volkes nicht hinnehmen und die Majestät des Rechts wieder auf den ihr zukommenden Platz als oberste Instanz unseres Staatswesens setzen wollten. Formal ist ihre Aktion, die in dem Attentatsversuch am 20. Juli 1944 und dem Versuch des Staatsstreichs kulminierte, gescheitert, und die meisten von ihnen mussten in der Folge ihr Leben lassen. Andere haben zwar überlebt, mussten aber Haft und Quälereien erdulden. Umsonst war ihre Tat dennoch nicht, denn sie hat bezeugt, dass es in Deutschland nicht nur Verbrecher und Mitläufer gab, sondern auch Aufrechte, die sich mit den Verbrechen nicht abfinden wollte. Sie haben entscheidend dazu beigetragen, dass unser Volk  wieder in den Kreis der Nationen aufgenommen wurde, ja, dass sich die Deutschen wieder in den Spiegel sehen konnten. Es hat nach dem Kriege einige Zeit, zu lange, gedauert, bis diese Erkenntnis nicht mehr umstritten war. Allzu viele, die sich vorher geduckt hatten, haben nachher versucht, ihr schlechtes Gewissen durch abfällige Bemerkungen zu verdecken.

 

In der Geschichte des militärischen Widerstands gegen Hitler und die Nationalsozialisten spielt das Reiter-Regiment 17 eine herausragende Rolle. Nur ein anderes Regiment, das preußische Infanterie-Regiment 9 in Potsdam, hat eine vergleichbare Anzahl von Widerstandskämpfern hervorgebracht, und nicht zufällig war auch es Träger einer ganz alten Tradition, der der preußischen Garde. Fünf aus dem Reiter-Regiment 17 hervorgegangene Offiziere mussten für ihren Einsatz gegen Hitler ihr Leben lassen, andere haben nur mit Glück überlebt. Dass sie bereit waren, das höchste Opfer, das ihres Lebens, zu bringen, war mit Gewissheit Ausfluss dessen, was sie in ihren jungen Jahren in Bamberg, Ansbach und Straubing geprägt hatte. Zu Recht stehen sie deshalb im Mittelpunkt dieser Ausstellung.

 

Dabei wollen wir aber diejenigen nicht vergessen oder übersehen, die getreulich in Frieden und Krieg ihre Pflicht getan haben, ohne dabei ihre ethischen Soldatenpflichten zu verletzen, obwohl sie sich nicht im Widerstand engagiert haben. Mehr als 2700 Angehörige des Regiments und der aus ihm hervorgegangenen Truppenteile sind gefallen oder vermisst. Aber kein Angehöriger des Regiments ist nach dem Kriege wegen Kriegsverbrechen angeklagt worden.

 

Dieses Regiment war deshalb etwas Besonderes, das es von den Hunderten anderer im 2. Weltkrieg unterscheidet. Damit das Andenken an dieses besondere Regiment und seine herausragenden Angehörigen nicht untergeht, haben  Überlebende und ihre Nachfahren, auch Angehörige der Truppenteile der Bundeswehr, die Traditionen des Regiments gepflegt haben - diese sind inzwischen auch alle den verschiedenen Strukturwandeln zum Opfer gefallen - die nichtselbständige Gedächtnisstiftung Ehem. RR 17 gegründet.  Inzwischen – fast 70 Jahre seit Kriegsende – sind es fast nur noch Nachfahren, und so ist es sicher nicht nur mir eine ganz besondere Freude, dass einer der letzten Überlebenden und der letzte überlebende Offizier des Regiments, S. D. der Fürst von Castell-Castell, hier unter uns weilt. Sein Vater und sein älterer Bruder gehören ja zu den Gefallenen des Regiments.

 

Bamberg war hauptsächlicher Standort des Regiments und nach der Zusammenführung mit den Teilen in Ansbach und Straubing der einzige. Zu unserem Bedauern war es nicht möglich, dass das Regiment dort eine Ausstellung findet. Um so dankbarer waren wir, dass sich Dr. Aichner als Direktor des Bayerischen Armeemuseum seinerzeit bereit erklärt hat, den Fundus der Erinnerungsgegenstände des Regiments hier aufzunehmen, zu betreuen und auszustellen. Zugleich hat er auch für die  Gedächtnisstiftung die Geschäftsführung übernommen, wofür wir, die wir keinen bürokratischen Apparat  haben, nicht dankbar genug sein können. Diese Aufgabe hat sein Nachfolger Dr. Reiß fortgeführt, und dafür gebührt auch ihm unser Dank. Hier in Ingolstadt wird ja nicht nur das Andenken an die Königlich Bayerische Armee und ihre Vorgänger, sondern an das Militär in Bayern insgesamt gehegt und gepflegt, und so sind wir hier richtig.

 

Unser herzlicher Dank gilt auch dem Bayerischen Staatsministerium Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, sowohl dem seinerzeitigen Minister Dr. Thomas Goppel wie auch seinem heutigen Nachfolger Dr. Ludwig Spaenle, die unsere Bemühungen immer nachdrücklich unterstützt haben.

 

Danken darf ich Frau Dr. Martina Metzger, die die Ausstellung mit Liebe vorbereitet hat, nachdem sie sich erst in die ihr vorher noch ganz fremde Materie des Militärs einarbeiten musste, Die Ausstellung wäre aber nicht möglich gewesen, hätte uns nicht unser Vorstandsmitglied Herr Horst van Cuyck mit einer ausßerordentlich großzügigen Spende bedacht. Es erfüllt uns mit großer Trauer, dass er den heutigen Tag nicht erleben durfte, und um so mehr freuen wir uns, dass seine Witwe, Gräfin Caroline Arco-Zinneberg heute hier bei uns ist.

 

Nun danke ich Ihnen, dass Sie heute hierher gekommen sind und wünsche Ihnen, dass Sie den Besuch der Ausstellung als Gewinn empfinden. Leider sind wir, nicht zuletzt wegen der laufenden Baumaßnamen im Museum, im Augenblick noch räumlich  beengt und sehen sie so nur als einen ersten Schritt an.                                                                                                  

 


 

Als weitere Leseproben folgen die Seite 17 des Begleitkataloges.

Begleitband 1.pdf
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